Dass wir ein Haus “besetzen”

Wir haben uns also ein Haus genommen. Man wird dafür „besetzen“ sagen. Und so falsch ist das nicht ausgedrückt.
Damit nehmen wir Raum in Anspruch in einer Weise, die den „Legalitätsprinzipien“ widerspricht: wir haben nicht bezahlt und nicht gefragt, und dafür haben wir Gründe. Denn unter den gegebenen Bedingungen scheint das Leben uns unbefriedigend, während wir ständig vor Augen haben was diese Gesellschaft an Wohlstand möglich macht, denselben aber gleichzeitig den meisten Menschen vorenthält. Am Beispiel des Wohnraums zeigt sich dies besonders deutlich. Häuser stehen leer – potenzieller Wohn- und Lebensraum bleibt ungenutzt. Auf der anderen Seite finden sich unmenschliche Lebensverhältnisse, wie etwa Menschen, die zu einem Leben ohne Obdach gezwungen sind, Menschen, die in miserablen 1-Zimmer-Wohnungen „leben“ müssen oder aufgrund ihres Einkommens in Randbezirke verdrängt werden. Diese Diskrepanz zwischen der Möglichkeit eines schöneren Leben und der tatsächlichen Verteilung von Raum und anderen Gütern, welche durch die kapitalistische Produktionsweise bedingt ist, wollen wir nicht akzeptieren.
Es gibt keine Bringschuld der Gesellschaft gegenüber, denn „Gesellschaft“ bezeichnet entgegen landläufiger Meinung eben nicht die Gemeinschaft aller Menschen, sondern das Verhältnis in dem die Dinge – seien sie produzierter oder vermeintlich „natürlicher“ Art – sich gegenüber stehen. Die Teilhabe hieran lässt sich nicht voluntaristisch herbeiführen oder ablehnen.

Eine andere Gesellschaft lässt sich nur durch veränderte Praxis aktiv herbeiführen

Dabei ist es uns wichtig anzumerken, dass ein schönes Leben in einer emanzipierten Gesellschaft sich nicht nur durch eine andere Form der Verteilung erschöpft. Zum einen ist diese Verteilung grundsätzlich mit anderen Zumutungen der kapitalistischen Warengesellschaft verwoben, wie etwa Konkurrenz, Lohnarbeit und Leistungszwang. Zum anderen stehen andere Herrschaftsformen, -verhältnisse und Ideologien, wie Antisemitismus, Sexismus und Rassismus der Emanzipation der Menschheit ebenso entgegen. Diese stehen mit den kapitalistischen Verhältnissen zwar im Zusammenhang, fallen aber nicht mit ihnen in eins und können also auch ohne sie weiterhin existieren.
Die Umverteilung von materiellem Wohlstand – hier Wohnraum – ist also allein keine wirkliche Emanzipation. Besitzverhältnisse müssen als Teil kapitalistischer Totalität und im Spannungsfeld anderer Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse begriffen und als solche angegangen werden. Von daher kann sich unsere Praxis auch nicht auf legalistischen Reformismus beschränken, sondern muss auf eine radikale Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse als Ganzes abzielen.
In diesem Sinne wollen wir diese nicht hinnehmen, sondern eine andere Möglichkeit des Gesellschaftens zeigen, denn der Versuch (mehr kann es nicht und niemals sein, da jede Veränderung innerhalb dieser Gesellschaft immer durch diese bedingt bleiben muss) ein Zusammenleben jenseits kapitalistischer Zurichtung zu führen, erscheint lohnenswert – sind doch dies die Verhältnisse und Beziehungen, die uns erniedrigen und unmündig machen. Dagegen wollen wir setzen: Verbindlichkeit, Solidarität und Freundschaft – zusammengefasst ein Leben in Verhältnissen, die Verantwortlichkeit und Kritik fördern und zeigen, wie ein Zusammenleben auf Grundlage der tatsächlichen Bedürfnisse möglich wäre.
Und ein ganz grundliegendes Bedürfnis ist jenes nach Wohnplatz, das sich nicht in „einem Dach über dem Kopf“ erschöpft, sondern in der hergestellten Sozialität eben nur gesellschaftlich begriffen werden kann. Also „besetzen“ wir tatsächlich Raum, indem wir versuchen, ihn diesem Umgang zu entziehen und einen anderen zu befördern, was für uns bedeutet: der Raum steht der Profitmaximierung nun im Weg und nicht weiter zur Verfügung.

Die Stadt als sozialer Raum

Während in der momentanen Weise der gesellschaftlichen Organisation stets – und sei es auch noch so ungewollt – nämlich der Profit, der materielle Gewinn, der sich durch Wertproduktion erzielen lässt, im Mittelpunkt steht, geht das tatsächliche Bedürfnis unter.
„Stadt“ muss sich vermarkten – also sich marktförmig verhalten – Städte und Regionen stehen offen in Konkurrenz zueinander. Innenstädte werden auf ihre Funktion als Umschlagplatz für Waren reduziert, Menschen, die in diesem Raum noch andere Funktionen zu erkennen glauben, sind zumindest suspekt und daher wird der Raum in immer höheren Maße überwacht. Sicherheitsdienste und Kameras prägen das Bild und beeinflussen das Verhalten der Menschen, die sich ständig unter Beobachtung wähnen müssen. Exklusion aus dem (ehemals) öffentlichen Raum, wie zum Beispiel die „Säuberung“ des Stadtbildes von Obdachlosen und anderen „randständigen“ Personen, sind so alltäglich, dass sie nahezu unbemerkt vor sich gehen, obwohl auch hieraus folgt, dass der Mensch sich nicht als Mittelpunkt und Zweck von Stadtplanung und Architektur, sondern als Bittsteller und tendenzieller Störfaktor zu begreifen angehalten ist. Repräsentationsbauten und sich im Event ausdrückende Vermarktung des Standorts werden als Selbstzweck – anstatt an den tatsächlichen Bewohnern der Stadt orientiert – begriffen und geplant. Die Aufzählung ließe sich lange fortsetzen.
Hieraus folgt generell, dass jedes Bedürfnis an eine Stadt, welches nicht gleich einem ökonomischen Bedürfnis nach Wachstum und Profit ist, sich nur in widerständiger Praxis ausdrücken kann.
Nun – das sollten wir offen zugeben – sind wir noch weniger gewillt, uns marktgerecht zu verhalten, als wir es erzwungenermaßen andauernd tun. Hieraus entsteht uns praktisches Leid, das leicht vermieden werden könnte.
Denn Stadt könnte auch darstellen: den Raum, in dem Sozialität erst entsteht und der somit der Freiheit der Entscheidung, den Austausch und die Diskussion über die Interessenlage und ihre Umsetzbarkeit befördert.
So lässt sich Stadt als zweierlei konstruieren: Als Raum der Umsetzung von Profitinteressen oder als Raum der Umsetzung des Lebens und der Gesellschaft. Wir wollen eine Stadt als Lebens- und nicht als Wirtschaftsraum und darauf zielt unsere politische Praxis. Dies zu erreichen kann jedoch nur gelingen, wenn die Logik von Profit und Kapital in ihrer Totalität überwunden wird und durch eine neue und solidarische Gesellschaft ersetzt wird. Hierbei darf es unseren Verständnis nach aber nicht um die Abwälzung von „Problemen“ gehen die momentan unter dem Titel der „Eigeninitiative“ vorangetrieben wird, was z.B. heißt, dass soziale Probleme aus der Gesellschaft in privates Engagement verdrängt werden wie es auch nicht auf den Ruf nach sozialstaatlicher Regulatur hinauslaufen darf. Deshalb kann unsere Praxis auch nicht aus Bitten und Appellen an den Staat bestehen, sondern muss ihn als Teil kapitalistischer Vergesellschaftung und nicht als neutrale Vermittlungsinstanz begreifen.

Tausch und Nutzen

Das Verhältnis der Dinge zueinander ist momentan noch ein zweifaches: Der Tauschwert steht als bestimmendes Prinzip im Vordergrund, obwohl er sich selten derart in den Vordergrund drängt, dass es zur Bewusstmachung desselben käme, während der Nutzwert zwar erstrebenswert erscheint, sich aber immer wieder der Korrektur durch Ersteren unterziehen muss. So leben die wenigsten nach ihren Wünschen und Bedürfnissen, sondern sind gezwungen sich in das vom Menschen nur abstrahierende Verhältnis des Tausches zu begeben während offensichtlich ihnen Produkte vorenthalten werden die nicht einmal einem sinnhaften Nutzen zugeführt werden, sondern ihnen nur unzugänglich gemacht werden um weitere Arbeitsleistung zu erpressen im sich nicht erfüllenden Versprechen irgendwann Eigentümer jener Reichtümer zu werden. „Bleiben wir zunächst bei dem einmal gebauten Hause. Das Haus, wenn vermietet, bringt seinem Erbauer Grundrente, Reparaturkosten und Zins auf sein ausgelegtes Baukapital einschließlich des darauf gemachten Profits in der Gestalt von Miete ein, und je nach den Verhältnissen kann der nach und nach gezahlte Mietbetrag zwei-, drei-, fünf-, zehnmal den ursprünglichen Kostenpreis ausmachen. (…) Der Verkauf einer Ware besteht bekanntlich darin, daß der Besitzer ihren Gebrauchswert weggibt und ihren Tauschwert einsteckt. Die Gebrauchswerte der Waren unterscheiden sich unter anderem auch darin, daß ihre Konsumtion verschiedene Zeiträume erfordert. Ein Laib Brot wird in einem Tage verzehrt, ein Paar Hosen in einem Jahr verschlissen, ein Haus meinetwegen in hundert Jahren. Bei Waren von langer Verschleißdauer tritt also die Möglichkeit ein, den Gebrauchswert stückweise, jedesmal auf bestimmte Zeit, zu verkaufen, d.h. ihn zu vermieten. Der stückweise Verkauf realisiert also den Tauschwert nur nach und nach; für diesen Verzicht auf sofortige Rückzahlung des vorgeschossenen Kapitals und des darauf erworbenen Profits wird der Verkäufer entschädigt durch einen Preisaufschlag, eine Verzinsung, deren Höhe durch die Gesetze der politischen Ökonomie, durchaus nicht willkürlich, bestimmt wird. Am Ende der hundert Jahre ist das Haus aufgebraucht, verschlissen, unbewohnbar geworden. (…) Nun hat zwar am Ende dieses Zeitraums der Mieter kein Haus, aber der Hausbesitzer auch nicht. Dieser hat nur das Grundstück (wenn es ihm nämlich gehört) und die darauf befindlichen Baumaterialien, die aber kein Haus mehr sind.“ (Friedrich Engels – Zur Wohnfrage) Denn zum Haus im Sinne eines Hauses wird ein Haus erst durch Bewohnung und so weiter. Vordem ist es nur ein Produkt dass zu Markte getragen werden muss und nicht den meisten Nutzen, sondern den meisten Profit erzielen soll. Das heißt aber auch, dass dadurch Menschen mit weniger Mitteln dann eben in weniger attraktive Bezirke oder Wohnungen verdrängt werden und (auch) auf diese Weise tagtäglich ihren gesellschaftlichen (Un-)Wert vor Augen geführt bekommen, anstatt ein Leben gemäß ihren Vorstellungen – in unseren Augen das einzig würdige und dem Menschen angemessene Leben – ermöglicht zu bekommen.
Wir jedoch wollen dem Gebrauchswert zu seinem Recht verhelfen, womit beispielsweise gemeint ist nicht genutzten Raum als Möglichkeit zu begreifen und ihn mit Sinn und Nutzen zu füllen. Denn in dieser anderen Anschauung des unermesslichen Wohlstandes, den die rasante Produktivkraftentwicklung hervorbrachte, liegt das Versprechen einer Zukunft in Wohlstand und Muße. Denn die Produkte sind ja im Überfluss vorhanden und nur dem schlechten System des Tauschhandels ist es zu verdanken, dass den meisten Menschen eine Bedürfnisbefriedigung gemäß den Möglichkeiten vorenthalten wird, während sie – wie der Esel die Karotte vor das Maul gehalten bekommt um ihn anzutreiben, die ihn jedoch niemals erreichbar sein wird – ständig vor Augen geführt bekommen was sie erreichen könnten, jedoch in den meisten Fällen niemals erreichen werden: Luxus und bestmögliche Befriedigung der Bedürfnisse.
Und gerade das Bedürfnis nach Wohnraum ist ein elementares und erschöpft sich bei weitem nicht in der Schaffung eines „Obdachs“, sondern ist aufs engste verbunden mit der Vorstellung und Ausgestaltung des Lebens. Wohnraum bietet Schutz, ist der Ort an den man sich zurückziehen, in dem man sich verwirklichen kann. Gleichzeitig bestimmt der Wohnort ganz entscheidend auch die sozialen Beziehungen.

Warum wir ein Haus „besetzen“

Für uns ergibt sich aus all dem eine doppelte Aufgabe: einerseits bedeutet für uns dieses tatsächlich Andere eine (hoffentlich) lebenswertere Situation in der Stadt, die durch uns alle geschaffen wird. Gleichzeitig heißt diese „Schaffung durch uns Alle“ auch, dass wir Verantwortung tragen, uns weiterhin widerständig zu verhalten und nicht an dem Punkt zu verharren, an dem wir uns Eigentum angeeignet haben. Wir wollen darum versuchen, dieses Haus zu einem solchen zu verwandeln, in dem Sozialität bewusst entsteht und betrieben wird und nicht weiter im unbewussten Verhältnis des Tausches besteht. Viel eher möchten wir den Austausch von Vorstellungen befördern, was sicher Konflikte mit einschließt, diese aber als elementar der Gesellschaft zugehörig begreift und zum Austrag dieser beitragen soll.
Beliebigkeit bedeutet das jedoch nicht. Wir selber haben klare Vorstellungen, wie sich unsere Gesellschaftlichkeit gestalten soll. So ist nicht jede „Meinung“ diskutabel: Antisemitismus, Rassismus und Sexismus etwa sind als Ideologien zu verstehen und anzugreifen, nicht aber zu diskutieren. Wir stehen dennoch für eine streitbare und meinungsfreudige Politik, die – eben auch durch das Bewusstsein der stetigen Konstruktion / Reproduktion von Gesellschaft – sich nicht begnügen wird mit einem leidlich „besseren“ Auskommen, sondern immer versucht sein sollte, auf diese einzuwirken. So verstehen wir diese Praxis der Aneignung als Intervention im sozialen Raum und unsere Praxis soll die Praxis der Schaffung von Orten sein, in der die Kollektivität, Solidarität, Verbindlichkeit, Entfaltungsmöglichkeiten der Einzelnen und basisdemokratische Entscheidungsstrukturen praktisch erprobt, vermittelt und gelebt werden können. Dieses konkret Erfahrbare soll damit auch den Blick auf den abstrakten Gesamtzusammenhang daher nicht verstellen, sondern uns und anderen im Gegenteil diesen erst erfahrbar machen und veranschaulichen. Daher verstehen wir diese Besetzung auch nicht als Endpunkt einer Entwicklung sondern als die Schaffung erster Grundlagen theoretisch wie praktisch überhaupt über das Bestehende hinaus zu weisen: die notwendige Freiheit zu schaffen in wenigstens zaghaften Ansätzen und einen Raum zu kreieren in dem nicht der vermeintliche Sachzwang sondern die Vernunft und Lust das Maß der Dinge sind.
Wir sehen keine andere Möglichkeit (Und die von uns gewählte erscheint uns auch als beste) diese Utopie zu leben als die Selbstermächtigung. auch als Form der Sichtbarmachung der Umstände durch unsere Intervention.
Wir wollen bewusst die Logik der kapitalistischen Eigentumsstrukturen stören und Exempel der Eigenermächtigung statuieren. Und uns ist bewusst, dass unser Handeln nicht weit über einen Symbolismus hinaus gehen, dass eine antikapitalistische Haltung in einem kapitalistischen Gefüge auch in einem Raum wie diesem nur bedingt einen Ausdruck finden kann. Immerhin bleibt die Hoffnung so bei einigen eine Diskussion über Eigentumsverhältnisse und kapitalistische Zusammenhänge – deren Fehlerhaftigkeit eben nicht erst beim Geld, dem Zins oder gar dem Neoliberalismus beginnt – anzustiften.