Archiv für August 2011

Einige Bemerkungen zum Artikel im Darmstädter Echo vom 20.7.2011

Richtig wiedergegeben wurde, dass es dem Aktionsbündnis um mehr als nur Räumlichkeiten geht, die Besetzungen in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext gesetzt werden müssen, grundlegende Kritik an eben diesem transportieren sollen. Dabei ist es uns wichtig, noch einmal explizit auf den Inhalt dieser Kritik hinzuweisen.

Die Verfügung über kostenlosen Wohnraum ist dabei nicht alleiniges Ziel, sondern lediglich ein Teilaspekt, an dem sich eine Gesellschaft messen lassen muss, in der rein technisch die Möglichkeiten zur ausreichenden Versorgung Aller längst keine Probleme mehr bereiten würden. Dem steht in erster Linie die Warenförmigkeit aller Lebens- und Produktionsmittel entgegen, sprich: der Zwang, bei der Schaffung von Gütern noch das letzte Quäntchen verwertbar zu machen. Dies bedeutet in aller Konsequenz auch immer wieder, dass sich Verwertbarkeit auch gegen menschliche Bedürfnisse durchsetzen muss, falls diese nicht über genügend Kaufkraft verfügen, um am gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben. Und in Zeiten zunehmender Technisierung, in der die Massenproduktion sowohl Güter durch reinen Überfluss nicht mehr absetzbar macht, andererseits in immer größerem Maße die menschliche Arbeitskraft überflüssig wird, ist eben jene Kaufkraft oft genug objektiv für größte Teile der Bevölkerung nicht erreichbar. Die Kritik setzt hier jedoch nicht bei der Verteilung der Waren und Dienstleistungen an (billigen Wohnraum gab es auch unter Franco..), sondern am elementaren Wesen von Gesellschaftlichkeit, also dem Zusammenleben und -produzieren im Jetzt. Diese bringen durch den Warencharakter neben Verwertungszwang und Konkurrenz der Lohnarbeiter auch noch eine notwendige Verschleierung dessen mit sich, was die Beziehungen zwischen den Menschen ausmacht: Alles wird als notwendigerweise unter der Kontrolle der Dinge stehend begriffen, die den Austausch im Kapitalismus auch tatsächlich bestimmen. Dabei wird nun der Mensch im Alltagsbewusstsein zu dem Spielball (oder besser: Arbeitskraftreservoir) einer außerhalb seines Einflusses stehenden Gesamtheit gemacht, die er eigentlich selbst – unbewusst – durch das Zusammenwirken Aller selbst schafft. Auch der spezifisch historische Charakter der Verhältnisse wird dann ausgeblendet, die eben nicht so notwendig und natürlich sind, wie sie erscheinen mögen.
Neben der von Menschen, die nichts Anderes kennen, noch anders können, „selbstfabrizierten“ ungemütlichen Lage, geschieht dies alles nicht reibungslos, die oben angesprochenen Widersprüche zwischen Menschen und Sachzwängen der Produktionsordnung machen eine Instanz erforderlich, die zumindest dann eingreift, wenn die Produktion an ihren Gegensätzlichkeiten zu zerbrechen droht. Der Staat setzt hier ein, als vom Erfolg des Wirtschaftens in seinem Einflussbereich abhängig, sodass er dieses reibungslos zu ermöglichen sucht.

Ein Arm dieses Staatsapparates tritt uns nun in Form der Stadt entgegen, als Verhandlungspartner, der nicht so kann wie wir wollen, ohne sich selbst zu verunmöglichen. Wir sind uns auch bewusst, dass es nicht möglich wäre, die oben kritisierten Verwertungsgrundlagen einfach weg zu verhandeln. So bleibt der Versuch, über die Aneignung oder Nutzung von Raum in unserem Sinne, zum einen die Kritik zu verbreiten, im öffentlichen Diskurs Denkmuster in Stellung zu bringen, die das bestehende Hauen-und-Stechen nicht weiter tragen wollen, und anderseits für uns selbst die Voraussetzungen zu bieten, weiter zu stören, einen Freiraum zu schaffen, der eine Ahnung von der Macht kollektiver Praxis geben kann.
Was wir wollen ist die scheinbar zementierten Verhältnisse aufbrechen, die Möglichkeit eines anderen Lebens ins Bewusstsein tragen, schließlich dem Unbehagen über den Normalzustand ein kommunistisches Begehren anbieten.

Echo-Artikel: „Zum Wohnen, Arbeiten und für Politik und Kultur“

Neckar5: Aktionsbündnis legt der Stadt ein Konzept für ein unabhängiges Zentrum vor

Das Aktionsbündnis Neckar5, benannt nach dem Haus, das die Mitglieder im Juni 2010 besetzt hatten, um auf Leerstand in Darmstadt aufmerksam zu machen und ihrer kapitalismuskritischen Forderung nach kostenlosem Wohnraum für alle Nachdruck zu verleihen, hat der Stadt ein Konzept für ein unabhängiges Zentrum vorgelegt. Dies war der Kompromiss, auf den sich Stadt und Aktionsbündnis einigten, damit die Stadt ihre Strafanzeige wegen der Besetzung eines weiteren Hauses in der Heidelberger Straße 148 vergangenen September zurückzog.

Da die Abgabe des Konzepts bei der Stadt in die Zeit der Dezernentenwechsel fiel, hat das Aktionsbündnis noch keine Reaktion erfahren. Das sei durchaus verständlich, sagen Tim und Achim, zwei Sprecher der fünfzehn- bis zwanzigköpfigen Gruppe. So langsam sei es aber mal an der Zeit.
Kernpunkt ist Wohnraum für die Mitglieder, die sich selbst verwalten wollen und dafür keine hierarchischen Strukturen wie einen Verein mit Vorsitzendem und Vorstand gründen wollen. Die Gruppe hält die kommerzielle Verwertung von existenziell notwendigem Wohnraum für ebenso unmoralisch wie die Nichtnutzung bestehender Objekte.
Da sie niemand anderem seinen Platz wegnehmen wollen, kommt für sie eine Beteiligung an der künftigen Nutzung der Konversionsflächen nicht infrage. „Wir wollen Lücken füllen“, sagt Achim, „es gibt Leerstand und dagegen wollen wir angehen.“ Tim ergänzt, dass es auch zu lange dauern würde, bis die Konversionspläne tatsächlich in die Tat umgesetzt würden. Außerdem läge das politisch, soziale und kulturelle Zentrum, so wie es ihnen vorschwebt, idealerweise nicht mitten in einem Wohngebiet.
Einen Raumbedarfsplan sucht man im Konzept vergebens. „Wir wollen flexibel bleiben und das ergibt sich letztlich aus dem Gebäude“, sagt Tim. Neben dem Platz zum Wohnen müsste das Zentrum zumindest einen großen Raum für Veranstaltungen haben und eine größere Küche. Es müsste zudem gut erreichbar und dürfte nicht zu abgelegen sein. Ideal wären zusätzliche Räume für Bandproben und Werkstätten. „Aber“, sagt Achim, „je mehr man haben will, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sich etwas Geeignetes findet.“
Die Kombination aus Wohnen, Arbeiten, Kultur, Politik und Soziales gibt es bislang in Darmstadt nicht. Zwar tagen auch in der Oetinger Villa linksgerichtete Gruppen – aber gewohnt werden kann dort nicht. Und die Villa ist schon jetzt voll.
Das Aktionsbündnis jedenfalls sieht seinen Teil der Hausaufgaben als erfüllt an. Tim: „Jetzt muss die Stadt auf das Konzept reagieren.“

Quelle: http://www.echo-online.de/region/darmstadt/Zum-Wohnen-Arbeiten-und-fuer-Politik-und-Kultur;art1231,2017818