Unser Konzept für ein autonomes Wohn- und Kulturprojekt in Darmstadt

Wir haben ein Konzept zur Umsetzung eines autonomen Wohn- und Kulturprojekts verfasst und an die Presse und die Stadt Darmstadt geschickt. Wir erwarten nun Angebote für geeigneten Raum zur Umsetzung unserer im Konzept verfassten Vorstellungen eines Zentrums.

Konzept

für mögliche autonome Wohn- und Kulturprojekte in der Neckarstraße 5 oder der Heidelberger Straße 148

Im Juni 2010 haben wir das seit vielen Jahren leer stehende Haus in der Neckarstraße 5 besetzt. Diese Besetzung wurde schon am darauffolgenden Nachmittag unter Druck vom Hausbesitzer und der Polizei beendet. Dies geschah jedoch nur unter der Vereinbarung, dass wir mit Vertretern der Stadt Darmstadt über ein geeignetes Ersatzobjekt verhandeln. Bei Gesprächen mit Sozialdezernent und Baudezernent der Stadt Darmstadt behaupteten diese jedoch, dass die Stadt keine leer stehenden und für unser Anliegen geeigneten Gebäude besäße. Dabei handelte es sich allerdings um eine Lüge. Baudezernent Wenzel erstattete nach der Besetzung eine präventive Strafanzeige, was bedeutet, dass die Polizei, falls es zu einer Besetzung eines städtischen Gebäudes kommen sollte, auch ohne die explizite Anweisung des Baudezernenten räumen darf und soll! Dies geschah dann im September 2010: Das ehemalige Asylheim in der Heidelberger Straße 148, welches sich in städtischem Besitz befindet, wurde nach jahrelangem Leerstand besetzt. Doch auch diese Besetzung dauerte nur eine Nacht: am darauffolgenden Nachmittag stürmte die Polizei gewaltsam das Haus, nahm die Aktivist_innen in Gewahrsam und verbarrikadierte das Gebäude. Den Besetzer_innen wurde angeboten, dass die Strafanzeige zurückgezogen wird, sofern sie sich „konzeptionell in den bürgerschaftlichen und planerischen Prozess zur Nutzung und Schaffung von neuem Wohnraum“ einbringen.
Doch warum besetzen wir überhaupt ein Haus? Mit der Besetzung eines Gebäudes haben wir uns zwei Aufgaben gesetzt. Einerseits wollen wir damit die kapitalistische Verteilung und Verwertung von menschlichem Wohnraum kritisieren und dieser insbesondere selbst aktiv entgegenwirken, indem wir uns ungenutzten Raum aneignen. In einer Stadt, in der es massenhaft ungenutzten (Wohn-)Raum gibt, ist es uns unverständlich und entspricht dennoch der kapitalistischen Logik, dass Wohnraummangel suggeriert wird und dieser die Mietpreise in die Höhe treibt.
Andererseits haben wir es uns zur Aufgabe gemacht unsere Vorstellungen von einem autonomen Wohn- und Kulturzentrum in die Tat umzusetzen. Unsere Forderungen an die Gesellschaft wollen wir in einem uns zur Verfügung stehendem Raum umsetzen und aktiv gestalten, wofür wir eben diesen Raum auch benötigen.
Wir erwarten zwar nicht, dass wir gemeinsam mit der Stadtverwaltung ein autonomes Wohn- und Kulturprojekt aufbauen können (das hat die Vergangenheit bereits gezeigt), dennoch haben wir nun dieses Konzept verfasst, durch welches wir darlegen wollen, wie wir uns, in Bezug auf Wohnraum, Kultur und soziales sowie politisches Zentrum eine Nutzung der beiden besetzten Häuser vorgestellt haben und auf die Nutzung eines Gebäudes auch zukünftig vorstellen. Dabei ist von Bedeutung, dass die im Konzept verfassten Möglichkeiten der Umsetzung eines autonomen Wohn- und Kulturprojektes als Vorschläge zu betrachten sind. Aus unserer Sicht können diese nur von den Bewohner_innen eines solchen Zentrums umgesetzt und somit nicht festgelegt werden, bevor ein solcher Raum überhaupt existiert.
Daher sollte dieses Konzept nicht als schriftliche Fixierung, sondern vielmehr als Darlegung unserer Vorstellungen von einem selbst verwalteten Wohn- und Kulturprojekt betrachtet werden.

1. Soziales Zentrum

Ein autonomes Wohn- und Kulturprojekt, wie wir es uns vorstellen, soll nicht primär ein Ort für Konzerte und Partys sein. Vielmehr soll es ein Treffpunkt sein, um mit verschiedenen Angeboten sozial Schwachen in ihrer prekären Situation zu unterstützen und zu organisieren.
In unsere Gesellschaft sind die Möglichkeiten für unkommerzielle Treffpunkte tagsüber deutlich eingeschränkt bis gar nicht vorhanden. Zur Wahl stehen Cafés, Kinos oder Fitnessstudios und dergleichen, deren Preise das Budget von Auszubildenden, Studierenden, Schüler_innen oder anderen finanziell benachteiligten Menschen meist übersteigen und wenn auch teilweise erschwinglich, dennoch fremdbestimmt sind. Die recht weite Preisspanne der Angebote unterstützt die Entstehung und Zementierung von Klassen.
Die Angebote sozialpädagogisch betreuter Jugendzentren beschränkt sich meist nur auf Jugendliche und bringen per se das Manko der staatlichen Aufsicht mit sich.
Somit gibt es letztendlich kaum öffentlich zugängliche Orte, um sich tagsüber abseits von gesellschaftlicher „Norm“ mit ihrem Verwertungszwang, ihrem Sexismus, ihren rassistischen und anderen ausgrenzenden Ressentiments aufzuhalten und seine Zeit zu verbringen. Diese Lücke wollen wir füllen und zumindest einen Versuch dazu unternehmen, da eine vollständige Abgrenzung von bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen nicht möglich ist.
Ein mögliches Beispiel für die Angebote eines sozialen Zentrums ist die „VoKü“. Hier wird zusammen oder von einer Gruppe gekocht und das Essen zum Selbstkostenpreis beziehungsweise gegen eine geringe Spende abgegeben. Diese wird, je nach Kapazität, mindestens einmal pro Woche stattfinden. Aufgrund dessen soll es in dem Gebäude auf jeden Fall eine große Küche geben.
Auch ein „Umsonstladen“ ist ein Angebot, welches sich in einem solchen Zentrum verwirklichen lassen kann. Verschiedene Waren können hier kostenlos abgegeben und mitgenommen werden. Ein solcher stellt einen aktiven Beitrag dar, dem gesellschaftlichen Verwertungs- bzw. Konsumzwang entgegen zu wirken.

Weiterhin soll im Wohn- und Kulturprojekt eine Fahrradwerkstatt integriert werden. In Darmstadt gibt es kaum Räumlichkeiten, in denen Werkzeug und vor allem Platz zur Reparatur von Fahrrädern kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Wir legen Wert darauf, dass es die Möglichkeit gibt sich die nötigen Fähigkeiten dazu selbst aneignen und weitergeben können, ohne auf teure Spezialistinnen zurückgreifen zu müssen. Ausreichend Platz für Arbeitsbereich sowie Lagerraum für Werkzeuge, Ersatz- und Verschleißteile muss dafür vorhanden sein.

Weitere Angebote können in Form von einem Internetcafé, Bildungsangeboten,
Bibliotheken oder ähnlichem umgesetzt werden. Dies steht allerdings insbesondere in Abhängigkeit der Nutzer_innen, die hier ihre Ideen verwirklichen und ihre Bedürfnisse befriedigen wollen. Auch Hierfür müssen genügend Räume vorhanden sein.

2. Wohnprojekt

Das zentrale Element des Hauses soll in der Errichtung eines Wohnprojekts liegen. Einer Art Wohngemeinschaft, die sich um die Instandhaltungsmaßnahmen, möglicherweise anfallende Renovierungsarbeiten und andere im und um das Haus anfallende Arbeiten kümmert, ohne dabei auf das Wohlwollen von dem kapitalistischen Verwertungszwang unterworfenen Vermietern angewiesen zu sein. Allein den BewohnerInnen des Hauses obliegt die Gestaltung des Hauses und somit auch die Gestaltung der Lebensweise innerhalb dieses.
Wir planen, dass jede/r BewohnerIn ein Zimmer bezieht und für dieses lediglich einen Unkostenbeitrag zahlt, um die Nebenkosten abzudecken, die anfallen, da man weiterhin auf kapitalistische Institutionen angewiesen sein wird, um die Grundversorgung des Hauses mit Wasser, Strom etc. zu sichern. Eine Miete im herkömmlichen Sinne ist nicht vorgesehen. An dieser Stelle möchten wir auf den Aufruf zur Besetzung der Neckarstraße 5 verweisen, in welchem unsere Kritik die Mietverhältnisse betreffend, ausführlich dargelegt wird (http://neckar5.blogsport.de/aufruf/).

3. Politisches Zentrum

Das selbstverwaltete Wohn- und Kulturprojekt soll ebenfalls ein Ort für politische Bildung und politische Arbeit sein und einen Rahmen für politische Veranstaltungen wie beispielsweise Informationsveranstaltungen, Lesungen, Diskussionsrunden politischer Themen, Filmabende, Workshops, usw. bieten.
Weiterhin sollen politische Gruppen im Wohn- und Kulturprojekt Raum finden. Dazu gehören beispielsweise Lesegruppen, politische Initiativen oder andere. Auch einen Infoladen sollte es im Wohn- und Kulturprojekt geben, in dem unter anderem politische Bücher und Zeitschriften angeboten werden.
Unser Politisches Engagement beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Wohn- und Kulturzentrum, sondern soll insbesondere im gesellschaftlichen Alltag zum Tragen kommen.

4. Kulturelles Zentrum

Das Zentrum soll eine wichtige Ergänzung des kulturellen Lebens in Darmstadt abseits der breiten Masse werden. Partys, Konzerte, Theateraufführungen, lyrische Abende, Filmvorführungen, Lesungen, Ausstellungen etc. können hier Raum finden, welche sowohl von den Beteiligten und Bewohner_innen des Wohn- und Kulturprojekts, als auch von „externen“ Veranstalter_innen, die eine Alternative zu kommerziellen Veranstaltungsorten suchen, durchgeführt werden.
Hierfür wird ein möglichst großer Raum/Saal benötigt.
Weiterhin werden tagsüber Cafés und abends Kneipenabende stattfinden, welche von den Beteiligten des Wohn- und Kulturprojekts betreut und organisiert werden.
Da wir uns der Schwierigkeit, bezahlbare Proberäume für Bands, Theatergruppen, etc. zu finden, bewusst sind, wollen wir dem entgegenwirken, indem wir erschwingliche Proberäume zur Verfügung stellen.
Auch räumlichen Platz für die Skateboard- oder Graffiti-Szene Darmstadts können wir uns in einem solchen Kulturprojekt durchaus vorstellen.
Zudem ließe ein offenes Kunstatelier, eine Werkstatt, ein Fotolabor oder eine Siebdruckwerkstatt in einem autonomen Wohn- und Kulturprojekt ermöglichen.

5. Selbstverwaltung

Die Entscheidungsfindung soll auf dem Prinzip der Basisdemokratie beruhen. Ein offenes, wöchentliches Plenum ist ein Ansatz, dies zu verwirklichen. Hier werden alle Entscheidungen nach einem Konsens getroffen, und nicht durch Abstimmungen.
Durch diesen Ansatz ist ein Vorstand bzw. ein Chef überflüssig. Eine Spezialisierung von, bzw. eine konkrete Aufgabenverteilung an einzelne Personen wird es nicht geben. Wir wollen, dass sich alle Bewohner_innen bzw. Nutzer_innen für die Verwaltung des Haus einbringen und so keine (Wissens-)Hierarchien entstehen. Ebenfalls wollen wir aber nicht, dass eine Teilnahme verpflichtend ist, sondern auf freiwilliger Basis stattfindet. Um aber trotzdem eine Kontinuität im Haushalt des Wohn- und Kulturprojekts zu gewährleisten, soll die Bewältigung der Aufgaben in Form einer AG-Struktur stattfinden.
Diese wäre durch die flexible Zusammensetzung nicht an Einzelne gebunden und würde das Erlernen von Aufgaben vielen Menschen zugänglich machen.
Es ist uns ebenfalls wichtig, dass alle Menschen Zugang zum Haus und zu den Verwaltungsstrukturen haben, wenn sie sich mit den Grundideen des Wohn- und Kukturprojektes identifizieren können.
Dies bedeutet, dass keine Mitgliedschaft oder Etablierung im Haus nötig ist, um an den Veranstaltung, dem Alltag oder den Plena teilzunehmen.

6. Die Bewohner_innen

Prinzipiell stellen wir uns ein Wohn- und Kulturprojekt vor in dem alle Menschen, ungeachtet des Alters oder der Herkunft leben und sich verwirklichen können.
Allerdings sei gesagt, dass wir bestimmte Einstellungen wie Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, Rassismus, etc. strikt ablehnen, um ein harmonisches Leben neben- und miteinander zu gewährleisten und offen, solidarisch und tolerant miteinander umgehen zu können. Eine ständige Selbstreflexion der Bewohner_Innen hierzu ist von grundlegender Bedeutung.
Wie wir schon weiter oben ausgeführt haben, verstehen wir das Hausprojekt nicht als Ersatz für herkömmliche Mietwohnungen, sondern als Verwirklichung alternativer Wohn- und Lebensvorstellungen. Deshalb setzen wir ein generelles Interesse der Bewohner_innen und Nutzer_innen an die Idee des Wohn- und Kulturprojekts voraus.

7. Finanzierung

Unsere grundsätzliche Anforderung an ein Finanzierungskonzept für ein Wohn- und Kulturprojekt ist, möglichst regelmäßige Einkünfte zu gewährleisten, ohne in Abhängigkeit zu Dritten, insbesondere der Stadt, zu geraten. Regelmäßige Einkünfte sind nötig, um die Anfallenden Nebenkosten abzudecken. Schließlich soll der finanzielle Bestand des Wohn- und Kulturprojekts gewährleistet werden, um eine relative Sicherheit in der Planung herstellen zu können.

Größte und daher wichtigste Einnahmequelle stellen der Eintritt von Konzerten und Partys, sowie der Getränkeverkauf dar. Hier kann erst bei Vorhandensein der endgültigen Räumlichkeiten ein hinreichendes Konzept erarbeitetet werden.
Zur Finanzierung des Wohn- und Kulturprojektes können beispielsweise Unkostenbeiträge durch Veranstalter_innen oder eine Gewinnbeteiligung dienen, welche bei der Nutzung von Party- oder Konzerträumlichkeiten an das Kulturprojekt abzugeben sind.
Dennoch soll bei Konzerten oder Partys im Zentrum nicht der finanzielle Gewinn im Mittelpunkt stehen. Vielmehr soll das Wohn- und Kulturprojekt verschiendenen Veranstaltungen einen Raum bieten, welchen sie in anderen Locations in Darmstadt aufgrund hoher Mietkosten nicht finden würden.
All dies kann jedoch erst endgültig ausdifferenziert werden, wenn die Räumlichkeiten
bereits fest stehen. Denn es gibt viele Punkte, die für die Überlegung wichtig sind, wie zum Beispiel die Größe der Räumlichkeiten und die dadurch resultierende Höhe der Nebenkosten, wie oft und wie lange Veranstaltungen stattfinden können, welche sonstigen Finanzierungsmöglichkeiten sich bieten usw.

Bei der Durchführung von Konzerten und Partys können hohe Einnahmen erzielt werden, aber leider keine regelmäßigen. Deshalb sind neben dieser noch andere Einnahmequellen nötig, um eine konstante Finanzierung zu gewährleisten.
Die zweite Grundlage ist die Unkostenbeteiligung der Bewohner_Innen des Wohnprojekts innerhalb des Zentrums.
Von Bedeutung hierbei ist, dass es sich bei dieser Unkostenbeteiligung um keine übliche Mietzahlung handelt, da wir kapitalistische Verwertung des Wohnmarktes grundsätzlich ablehnen.
Die finanzielle Beteiligung der Bewohner_Innen wäre vielmehr ein Mittragen und Mitfinanzieren des Wohn- und Kulturprojektes und somit nicht an Gewinne gekoppelt. Ebenso könnte für Proberäume ein Unkostenbeitrag in Anspruch genommen werden.
Die Gründung eines Vereins kann ein weiteres Mittel der Finanzierung sein, da somit Mitgliedsbeiträge sowie Förderbeiträge zusätzliche Einnahmequellen darstellen.

Ebenfalls wollen wir anfallende Nebenkosten weitesgehend reduzieren.
Dies kann zum Beispiel durch eine moderne Wärmeisolierung geschehen, ebenso durch die Installation von Solarzellen und die optionale Verwendung von nachwachsenden Brennstoffen zum Heizen einiger Räume.

8. Äußere Bedingungen

Ein Wohn- und Kulturprojekt wie wir es uns vorstellen, erfüllt nur seinen Sinn, wenn es zentral oder mit dem öffentlichen Nahverkehr gut zu erreichen ist. Zusätzlich sollte es, wenn möglich, einzeln stehen und nicht in einem Wohngebiet liegen.
Von Vorteil für viele Projekte ist natürlich auch ein Außenbereich, der beispielhaft als bewirtschafteten Garten, Stellplätze für Bauwagen, Cafés und Vokü im Freien oder Spielplatz für Kinder genutzt werden könnte.

Im Bezug auf die Darmstädter Wohnsituation bzw. die aktuellen Leerstände wäre die Verwirklichung eines solchen Projektes in der Neckarstraße 5 ideal gewesen. Auch die Heidelbergerstraße 148 hätte durch das große Raumangebot die meisten oben genannten Bedürfnisse erfüllt. Ebenfalls sehen wir in den alten Kasernengebäuden großes Potential.
Die Erfüllbarkeit der oben aufgeführten Ideen würden natürlich letzten Endes von den räumlichen Gegebenheiten abhängen.