Darmstädter Echo: „Hausbesetzung mit friedlichem Ende“

Einer der Eigentümer des ehemaligen Telekom-Bürogebäudes verzichtete auf eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs


Keine 24 Stunden dauerte die Besetzung des Hauses Neckarstraße 5. Die Besetzer gaben am Donnerstagnachmittag freiwillig auf.

Am Donnerstagnachmittag gegen 15 Uhr ist in der Neckarstraße 5 die erste Hausbesetzung in Darmstadt seit mindestens zehn Jahren friedlich zu Ende gegangen. Die rund fünfzehn Hausbesetzer sagten der Polizei zu, die mitgebrachten Gegenstände – vor allem Getränke, aber auch Stühle, Putzlappen und Klobürsten – aus dem Haus zu räumen und zu gehen.

Einer der Eigentümer des ehemaligen Telekom-Bürogebäudes, Ibrahim Öner, verzichtete im Gegenzug auf eine Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs. Lediglich die Personalien der Besetzer wurden aufgenommen, falls im nachhinein zivilrechtliche Schadensersatzforderungen erhoben werden sollten.

Die Polizei verhandelte mit den Besetzern und sagte ihnen zu, einen Kontakt zu Oberbürgermeister Walter Hoffmann zu vermitteln. Das Anliegen der jungen Leute: auf Leerstände aufmerksam zu machen und bezahlbaren Wohnraum zu fordern. Eine Forderung, die der Einsatzleiter, Polizeioberrat Rainer Linke, als ,,berechtigt“ bezeichnete.

Donnerstagnachmittag, 14 Uhr. In der Neckarstraße weist nichts auf einen großen Polizeieinsatz hin. Lediglich vor der AOK und auf dem Parkplatz der Hessischen Staatskasse rechts und links des großen Gebäudes mit den roten Fensterrahmen an der Ecke zur Adelungstraße parken einige Streifenwagen.

Im Hof steht Einsatzleiter Linke mit einer Sprecherin der Besetzer. Beide schauen zu einem geöffneten Fenster im ersten Stock, wo einige der jungen Leute zu sehen sind. Etwas abseits steht Miteigentümer Ibrahim Öner. Er hat mit weiteren Investoren das Bürogebäude im Oktober von der Telekom erworben, will sanieren, anbauen und aus dem Komplex ein Wohnhaus machen. Die Planungsphase läuft, sagt er.

Eine stabile Metallleiter wird aus dem Fenster im ersten Stock geschoben, zwei Hausbesetzer klettern herunter und erläutern ihr Anliegen. ,,Es geht um viele leerstehende Gebäude in Darmstadt und darum, dass man keine Wohnung findet“, sagt eine junge Frau mit schwarzer Kapuze. ,,Es gibt den Bedarf und unsere Forderung nach alternativem, sozialen Wohnen ist berechtigt“, sagt ein junger Mann.

Sie seien am Mittwochabend um kurz nach 23 Uhr durch ein offenes Fenster in das Gebäude gestiegen und hätten ein Fest gefeiert. Die vielen Besucher hätten ihr Anliegen bestätigt. So wie das Transparent am Balkon unterm Dach am Haus auf der anderen Seite der Neckarstraße ,,Neckar 5 – Solidarität“.

Die Besetzer hatten ein viertägiges Programm geplant, von Donnerstag bis Sonntag, mit Frühstück, Café, Filmen, Vorträgen, Volksküche und Party. Denn der Anspruch ist nicht nur der auf bezahlbaren Wohnraum, sondern auch ein kultureller und ein gesellschaftlicher. Als Alternative zum Schuhkastenwohnen und zur Abhängigkeit von Vermietern, ,,die Vermietung als Geldverdienen betreiben, statt sich den Bedürfnissen von Menschen anzupassen“, wie es die Sprecherin formuliert.

Allerdings war bereits die allererste Aktion, die Party am Mittwoch abend, so laut, dass um 0.06 Uhr bei der Polizei ein Anruf wegen Ruhestörung einging. So wurde die Ordnungsbehörde auf die Hausbesetzung aufmerksam. Die Polizisten riefen die auf einem Transparent am Haus angegebene Telefonnummer der Besetzer an und verständigten den Eigentümer, schildert Einsatzleiter Linke den Vorgang. Parallel habe man mit OB Hoffmann gesprochen, der zugesagt habe, Kontakt aufzunehmen, um sich die ,,berechtigte Forderung nach bezahlbarem Wohnraum“ anzuhören.

Um halb drei haben sich Besetzer, Eigentümer und Polizei geeinigt. Die Besetzer äußern ihr Bedauern gegenüber Miteigentümer Öner: Sie hatten gedacht, das Haus gehöre noch der Telekom. Die Tür geht auf, das Grüppchen kommt raus und gibt seine Personalausweise ab. Als die Personalien aufgenommen sind, wird ausgeräumt.

Die Aktion werten die Besetzer trotz der kurzen Dauer als Erfolg. ,,Wir hatten zwar gehofft, dass hier längerfristig etwas aufzubauen ist“, sagt der junge Mann, ,,aber es ist eine gute Basis für weitere Verhandlungen.“